1. August Ansprache Regierungsrat Urs Hofmann in Bözberg-West

ANSPRACHE REGIERUNGSRAT DR. URS HOFMANN
Bundesfeier, 1. August 2018, Hornussen / Bözberg-West

Liebe Hornusserinnen, liebe Hornusser

In meinen Sommerferien habe ich ein Buch über den Dreissigjährigen Krieg gelesen.  Dieser begann präzise vor 400 Jahren und verwüstete Mitteleuropa, vor allem das Gebiet Deutschlands in einem zuvor kaum gekannten Ausmass. Während meiner Lektüre habe ich oft ans Fricktal und an Hornussen gedacht. Auch dieses Gebiet war zwischen 1633 und 1638 Schauplatz kriegerischer Handlungen, von Plünderungen und Verwüstungen, von Vergewaltigungen und Mord. Bereits zuvor und auch danach wurde das Fricktal immer wieder durch Krieg und Raubzüge in Mitleidenschaft gezogen. Das Fricktal gehörte damals bekanntlich zum habsburgischen Vorderösterreich und war nicht Teil der Alten Eidgenossenschaft. Bereits in Bözen war dies ganz anders. Und so wird uns bewusst, wie in den vergangenen Jahrhunderten oft Zufälligkeiten über Glück oder Unglück, über Leben und Tod unzähliger Menschen entschieden haben. Seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts gehört das Fricktal und damit Hornussen zur Schweiz. Damit hat für das Fricktal eine Periode begonnen, die zwar zunächst noch von Armut, aber doch von Frieden geprägt war. Dass wir nun schon rund 216 Jahre in unserem Land weitgehend friedlich zusammenleben durften und einen zuvor nie gekannten Wohlstand erreicht haben, ist zwar auch das Verdienst unserer Vorfahren. Gerade die Geschichte dieser Gegend lehrt uns jedoch, dass es ohne Glück und die Gunst des Zufalls auch ganz anders hätte
kommen können. Der Bundesfeiertag soll deshalb für uns alle auch vorab ein Tag des Dankes und der Demut sein.

Liebe Hornusserinnen, liebe Hornusser

Meine Urgrossmutter war Christkatholikin. Sie ist Ende der 30er Jahre gestorben. Ich habe sie also nicht mehr gekannt. Meine Grossmutter hat aber immer wieder erzählt, wie die Urgrossmutter – noch geprägt von den Jahren des Kulturkampfes – prophezeit habe, dass die Welt oder zumindest der Kanton Aargau untergehe, wenn im Aargau drei Römisch-Katholiken im Regierungsrat sässen. Effektiv kam es während über 200 Jahren nie zu dieser verhängnisvollen Konstellation. Als es dann nach der Wahl von Alex Hürzeler und mir im Frühjahr 2009 zum ersten Mal seit der Kantonsgründung 1803 drei Katholiken im Regierungsrat gab, ging die Welt nicht unter und auch nicht der Aargau.
Im Gegenteil, es interessierte niemand, welche Konfession die Regierungsmitglieder hatten. Und dass heute sogar vier Katholiken im Regierungsrat sitzen, war noch nirgends ein Thema.

Wir alle kennen solche Geschichten. Im eigenen Leben verändert sich, was zählt, und in einem Land ändern sich die zentralen Fragen, oft rascher als man denkt. Und auch was typisch schweizerisch ist, war gestern etwas anderes als heute und ist in ein paar Jahren nicht mehr dasselbe. Und so unterschiedlich Wahrnehmungen und Einschätzungen in der Zeit sind, so unterschiedlich, so vielfältig sind sie oft auch unter uns.

Manche von uns blicken mit Zufriedenheit und Stolz auf unser Land und diesen Staat. Es gibt viele gute Gründe dafür: Es geht vielen von uns gut, die Lebensqualität in der Schweiz gehört weltweit zu den höchsten. Wir gehören zu den glücklichsten Menschen, wie gerade letzthin wieder herausgefunden wurde. Und im Allgemeinen können wir uns, wenn es um Regeln, Gesetze und Dienstleistungen geht, auf den Staat verlassen. Wir reden dann vom guten Bildungsniveau, von der vorzüglichen Gesundheitsversorgung, von der Rechtssicherheit und so weiter.

Andere unter uns sind eher kritisch und sehen vor allem die Schattenseiten. Sie machen sich Sorgen um das Klima und die Umwelt, den rasanten Bodenverschleiss oder die Energieversorgung. Sie ha-ben Angst bezüglich der Sicherheit der Altersvorsorge. Sie denken an die wachsenden Unterschiede bei Einkommen und Vermögen. Oder sie fühlen sich unwohl angesichts der unterschiedlichen Spra-chen und Kulturen, die auch in unserem Land unüberhörbar und unübersehbar sind.

Wenn ich diesen Menschen zuhöre, fällt mir auf, dass sie oft unterscheiden zwischen “wir” und “den Anderen”. “Wir” haben eben unsere Eigenart, und die möchten “wir” bewahren. Doch was sind unse-re typischen Eigenarten? Unsere Essgewohnheiten? Was isst der typische Schweizer, die typische Schweizerin? Bratwurst und Rösti oder doch lieber Cervelat? Oder Fondue und Raclette? Oder Ca-puns, Pizokel, Spaghetti oder Polenta?

Und wenn ich Sie hier in der Runde zu Ihren Lieblingsspeisen fragen würde, welche Antworten kä-men noch dazu? Thailändisch! Kebab! Pizza! Sushi! Burger! Ein Mocken Fleisch vom Grill! Oder doch lieber vegetarisch oder vegan?

Anhand unserer Essgewohnheiten unsere schweizerische Eigenart zu bestimmen, ist heute kaum noch möglich. Und wie ist es mit der Mundart?

Als ich im letzten Dezember an sechs Orten im Kanton die Gemeinderätinnen und Gemeinderäte der 212 Aargauer Gemeinden in Pflicht nahm und in meiner Rede so sprach wie heute, nämlich im Ur-Aarauer Dialekt, fragte mich eine neugewählte Gemeinderätin aus dem Ostaargau, wo im Kanton Bern ich aufgewachsen sei. In Bern wurde ich im Übrigen auch schon gefragt, ob ich aus Zürich kä-me und in Basel, ob ich Luzerner sei. So einfach ist es also mit unseren Dialekten auch wieder nicht. Und nicht nur unsere Lieblingsspeisen, auch unser Dialekt verändert sich.

Ein Bekannter hat mir kürzlich erklärt, wann es “zwee”, “zwoo” oder “zwöi” heisse. Wie sagen Sie, zwee, zwoo oder zwöi Cervelats? Oder haben Sie doch lieber Bratwürste? Sagen Sie dann zwee, zwoo oder zwöi Bratwürste?

Haben Sie sich entschieden? Die Antworten werden mit grösster Wahrscheinlichkeit unterschiedlich ausfallen. Auch unter Hornusserinnen und Hornussern, die ihr Dorf – so wie ich Aarau – nie für längere Zeit verlassen haben. Auch unsere eigene Mundart ist nicht für jeden gleich. Es gibt – zum Glück – auch keine absolut verbindlichen Regeln. Früher brauchte man in unserer Gegend “zwee” für männliche Wörter. Also zwee Manne, zwee Hünd, zwee Muni. Für weibliche brauchte man “zwoo”, also zwoo Fraue, zwoo Bire, zwoo Geisse. Und für sächliche “zwöi”, also zwöi Chind, zwöi Hüüser, zwöi Büsi. Heute jedoch werden alle drei Formen oft bunt durcheinander gebraucht.

Selbst unsere eigene Sprache verändert sich also dauernd, nicht nur aufgrund des Einflusses von Fremdwörtern, nicht nur wegen Internet und Fernsehen, nicht weil alles vereinheitlicht und abge-schliffen würde. Sondern weil sich alles, was lebt, wandelt; oft langsam und unbemerkt. Heute würde ich zwöi Bratwürste bestellen, ob es bei meiner ersten Bundesfeier, die ich vor 42 Jahren während meiner RS besuchte, zwoo waren, wie es mundart-grammatikalisch korrekt wäre, weiss ich nicht mehr.

Wir essen nicht das Gleiche, wir reden nicht gleich und erst noch verändern sich Leibspeisen und sogar unsere Mundart laufend. Die typisch schweizerischen Eigenarten zu finden, ist nicht einfach. Aber auch unsere Vielfalt ist keine schweizerische Besonderheit. Ein Sizilianer ist ganz anders als ein Mailänder, aber beides sind Italiener. Und ein Schwabe ist ebenso wenig ein Ostfriese, wie sich ein Bayer als Preusse fühlt. Doch alle sind sie Deutsche.

Was zählt also? Was hält die Schweiz im Innersten zusammen, was müssen wir unter allen Umständen bewahren, schützen und in die Zukunft tragen? Wesentlich ist, wie wir miteinander umgehen.
Von zentraler Bedeutung ist auch unser Menschenbild. Und entscheidend ist, dass sich möglichst viele von uns an der Gestaltung der Zukunft beteiligen.

Die heutige Schweiz ist über Jahrzehnte und Generationen hinweg aus der Auseinandersetzung verschiedener Ideen und Interessen entstanden. Zunächst war es ein Ringen zwischen dem Adel und dem Bürgertum in den Städten, dann zwischen den protestantischen und katholischen Kantonen bis hin zum Sonderbundskrieg, aus dem der moderne Bundesstaat hervorgegangen ist. Die Ausei-nandersetzungen zwischen dem Bürgertum und der Arbeiterschaft haben vor 100 Jahren, 1918, zum Generalstreik geführt. Auch heute wird gerungen. Zum Glück mit friedlichen Mitteln. Abstimmungen über AHV-Revisionen und Pensionskassenfragen, Steuersysteme, Ausländerrecht oder die Energie-zukunft – um nur ein paar wenige zu nennen – sind ein lebendiger Ausdruck davon. Politische Kon-kurrenz und Wettbewerb sind notwendige Grundlagen unserer Demokratie. Doch nur wenn dabei Anstand, Fairness und Augenmass nicht verloren gehen, wird der politische Wettstreit zu nachhalti-gen Lösungen für unsere Zukunft führen und wird die politische Auseinandersetzung nicht zu einer ernsten Gefahr für das friedliche Zusammenleben.

Wer gefangen ist in den Kategorien “Wir” und “Die Anderen”, wer abgrenzt und ausschliesst, wer sich durch die Veränderungen in unserer Welt, die grossen sichtbaren, vor allem aber die laufenden unsichtbaren, verunsichern lässt, wer Hass sät und in den Anderen Feinde sieht statt Menschen mit anderen Ideen, anderen Traditionen und anderer Herkunft, wer nicht mehr auf die Kraft der eigenen Ideen vertraut, sondern die Anderen verunglimpft und deren Überzeugungen schlecht macht, der vergiftet das politische Klima.

Unser Bundesstaat muss uns ermöglichen, uns mit unserem Land zu identifizieren. Sich “daheim” zu fühlen. Dem müssen wir Sorge tragen. Wir müssen dafür sorgen, dass dieses Gefühl möglichst alle haben können, auch Menschen, die vom Glück verlassen sind und sich alleine fühlen, sozial schwä-cher gestellte, kranke Menschen und Menschen mit Beeinträchtigungen, aber auch Menschen, die aus dem Ausland zu uns in die Schweiz gekommen sind und hier bleiben werden. Typisch schweize-risch ist dabei: Verantwortlich für unser Land, für unseren Kanton, für unsere Gemeinde sind nicht die anderen, nicht die Politikerinnen und Politiker, sondern wir alle. Mitdenken, mitgestalten, sich engagieren – das schafft Vertrauen. Gerade auch dieses Grundvertrauen in die staatliche Gemein-schaft macht die Schweiz aus. Wir müssen es erhalten, stärken und alles vermeiden, was bewusst oder unbewusst einen Keil zwischen die Bevölkerung und unsere Institutionen treibt. Wer dieses Vertrauen zerstört, schwächt die Grundfesten unseres staatlichen Zusammenlebens und zerstört unser Land. Wie rasch das gehen kann, zeigen uns verschiedene Beispiele im Ausland, wo Miss-trauen, Lügen und tiefe gesellschaftliche Gräben das Klima unter den Menschen vergiften.

Liebe Hornusserinnen, liebe Hornusser!

Es gibt Gesellschaften, in denen es zwar zahlreiche Sieger gibt, aber auch sehr viele Verlierer, ge-knickte Menschen mit Ängsten und ohne Glauben an eine Zukunft. Und es gibt Gesellschaften, in denen weit mehr Menschen aufrecht dastehen, weil sie wissen, dass man ihnen vertraut, ihnen Chancen gibt und sie nicht fallen lässt. Ein Land, das dafür einsteht, dass alle Menschen mit auf-rechten Köpfen aufwachsen und leben können, muss unser Ziel sein. Dieses ist hochgesteckt:

Ein Land, das diesen Anspruch an sich stellt, nimmt sich einiges vor. Es will etwas erreichen, das nicht selbstverständlich ist, sondern erarbeitet werden muss und zwar immer wieder von neuem.

Ein solches Land bekennt sich zu einer Idee, es nimmt Verantwortung wahr, es schaut nicht nur zu, es handelt.

Ein solches Land nimmt die Sorgen und Ängste der Menschen ernst.

Ein solches Land integriert und schliesst nicht aus.

Der ehemalige deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt, der im November 2015 fast 97jährig starb, hat das berühmte Bonmot geprägt, “Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen”. Wir wissen alle: Es ist manchmal besser, rechtzeitig zum Arzt zu gehen, um zu wissen, wie krank man wirklich ist, und manchmal wäre es besser, nicht zu gehen, weil man sonst erst richtig krank fühlt. Wer in schönen Visionen verharrt, mag das konkrete Handeln zuweilen verpassen. Wer jedoch keine Visionen entwi-ckelt, was sein soll, wenn sich die Gesellschaft verändert, der verpasst es, die Zukunft mitzugestalten.

Es ist kein Zufall, dass in vielen Städten und Gemeinden unseres Landes und unseres Kantons Strassen und Plätze nicht nur Flurnamen oder die Namen von Pflanzen oder Tieren tragen, sondern auch die Namen von Menschen. Und wenn wir genauer hinschauen, oft von Menschen, die sich rechtzeitig vertieft Gedanken über die Zukunft unseres Landes gemacht haben, Namen von Visionären.

Jedes Land braucht visionäre Geister. Ein Land ist aber dann besonders gut für die Zukunft gerüstet, wenn es sich nicht auf die Visionen einiger weniger verlässt, sondern wenn sich möglichst viele Menschen Gedanken über die Zukunft machen und diese in die politische Diskussion einbringen. Damit der Wettbewerb der Ideen rechtzeitig spielen kann. Dies gilt sowohl für die grossen Fragen der Zukunft, aber auch für die kleinen in der Gemeinde und im Quartier. Was heute visionär ist, ist mor-gen mehrheitsfähig und übermorgen Normalität. Gerade auch in unserer Zeit mit ihren rasanten technischen Entwicklungen, die unsere Gesellschaft wohl rascher verändern werden, als vielen lieb ist.

Denken wir rechtzeitig mit, bringen wir uns ein, gestalten wir gemeinsam unsere Zukunft. Typisch schweizerisch eben!

 

Weitere Artikel im Blog und Link:

>>> Regierungsrat Urs Hofmann on-tour besucht Bözberg-West
>>> Fusionieren Gemeinden BEEHZ zu Bözberg-West?
>>> Informationsveranstaltung Thema Gemeindefusion, Vorschlag Gemeindewappen 😉

>>> Die 7 häufigsten Fehler bei Gemeindefusionen (pdf)

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